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Ein künstlerisch herausragender Jahrgang

Mit einem Duorezital der Sopranistin Viktoriia Vitrenko und des Pianisten Alexei Lubimov enden am Sonntagnachmittag (3. Juli 2022) die 13. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch. Auf dem Programm des Rezitals stehen die Impromptus op. 90 von Franz Schubert, eine Auswahl seiner Klavierlieder sowie der Liederzyklus „Stufen“ des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov. Das gleiche Programm hatte Alexei Lubimov vor wenigen Wochen in Moskau schon aufführen wollen, wurde dann aber von der russischen Polizei während des Konzerts zum Abbruch genötigt – unter dem fadenscheinigen Vorwand einer Bombendrohung.

Valentin Silvestrov war Ehrengast der diesjährigen Schostakowitsch Tage und wurde am Samstag mit dem Internationalen Schostakowitsch Preis ausgezeichnet. Im Rahmen dieser Veranstaltung trat er auch als Interpret eigener Klavierwerke in Erscheinung. Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Schostakowitsch Tage, hob in seiner Laudatio die „Freiheit des Geistes“ in der Musik Silvestrovs hervor und bescheinigte dem Komponisten eine „emotionale Unmittelbarkeit“ in seinen Werken, die ihn – bei allen Unterschieden – mit Schostakowitsch verbinde.

Sieben Konzerte und eine Filmvorführung umfasste das diesjährige Festivalprogramm in der Gohrischer Konzertscheune. Mehrere Ur- und Deutsche Erstaufführungen erklangen während der vier Festivaltage. Darunter Schostakowitschs Hymne „Ruhm den Schiffbauern“ für gemischten Chor a cappella, die erstmals in einem öffentlichen Konzert erklang. Nahezu 3.000 Karten wurden für alle Veranstaltungen verkauft. Zu den Protangonisten zählten u. a. die Pianistinnen Elisaveta Blumina und Yulianna Avdeeva, der Geiger Vadim Gluzman und das junge Eliot Quartett. Auch die Sächsische Staatskapelle Dresden, im Jahr 2010 Mitinitiatorin des Festivals, war erneut in Gohrisch zu erleben: in Orchesterformation unter der Leitung von Dmitri Jurowski wie auch mit einzelnen Mitgliedern in verschiedenen Kammerkonzerten. Dmitri Jurowski hatte die Leitung der Aufführungsmatinee mit der Staatskapelle für seinen im März verstorbenen Vater Michail übernommen. Umrahmt wurde das Programm von einer Fotoausstellung des Dresdner Fotografen Matthias Creutziger, der die Schostakowitsch Tage von Anbeginn begleitet hat.

Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch: „Wir sind überglücklich darüber, dass die Schostakowitsch Tage nach zwei schwierigen Pandemiejahren nun endlich wieder an ihrem Ursprungsort in Gohrisch haben stattfinden können. Wir haben einen künstlerisch herausragenden Jahrgang erlebt, der vom Publikum entsprechend begeistert aufgenommen wurde. Mit einer Auslastung von ca. 70 % sind wir angesichts der allgemeinen Publikumszurückhaltung überaus zufrieden und davon überzeugt, in den kommenden Jahren auch wieder Auslastungen jenseits der 90 % erreichen zu können. Unser Dank gilt daher unserem treuen Stammpublikum, aber auch all unseren Sponsoren und Unterstützern, ohne die dieses wunderbare Festival nicht würde stattfinden können.“

Die 14. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch finden vom 22. bis 25. Juni 2023 statt.


Erneute Schostakowitsch-Uraufführung

Bei den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch wird in diesem Jahr ein Chorstück des Namensgebers mit Ukraine-Bezug uraufgeführt

Auch in diesem Jahr wird es bei den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch wird es eine Uraufführung von Dmitri Schostakowitsch geben: Kurzfristig wurde das Chorstück „Ruhm den Schiffsbauern“ ins Programm aufgenommen, das zum ersten Mal in einer öffentlichen Konzertaufführung erklingt. Das A-cappella-Werk wird zu Beginn des Eröffnungskonzertes am 30. Juni von Mitgliedern des Sächsischen Vocalensembles unter der Leitung von Matthias Jung in der Gohrischer Konzertscheune vorgestellt.

Entdeckt hat das bislang unbekannte Werk die russische Musikwissenschaftlerin Dr. Olga Digonskaya, leitende Archivarin des Moskauer Schostakowitsch-Archivs. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Schostakowitsch-Manuskripte ans Licht gebracht und wurde für ihre Verdienste 2021 mit dem Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch ausgezeichnet. Die Musikwissenschaftlerin schreibt über ihren neuesten Fund: „Schostakowitschs Lied ‚Ruhm den Schiffbauern‘ ist praktisch unbekannt, obwohl sein Titel gelegentlich in musikalischen Publikationen auftaucht.“ Nach ausgiebigen Archivrecherchen fand sie heraus, dass Schostakowitsch das Werk 1964 den Arbeitern der bedeutenden Schiffswerft „Nosenko“ in der ukrainischen Stadt Nikolajew zu deren 175-jährigem Bestehen zum Geschenk machte. Digonskaya fand den vollständigen Liedtext des ukrainischen Dichters Aleksander Uvarov und schließlich auch Skizzen zu dem Chorwerk in Schostakowitschs Nachlass: Damit ist die Autorschaft eindeutig belegt.

„Wir sind außerordentlich dankbar, dass wir mit dieser erneuten Rarität die Geschichte der Uraufführungen von Schostakowitsch in Gohrisch fortschreiben können“, freut sich Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch. Bereits in den letzten Jahren wurden regelmäßig Werke von Schostakowitsch in Gohrisch uraufgeführt, darunter nachgelassene Fragmente aus der Oper „Die Nase“, ein Impromptu für Viola und Klavier sowie zahlreiche frühe Klavierwerke des Komponisten. „Olga Digonskaya hat mir im vergangenen Jahr bereits von einem unbekannten Chorstück berichtet, bei dem es aber noch viele offene Fragen gab. Dass es sich um ein Werk mit einem konkreten Ukraine-Bezug handelt, das in der jetzigen Zeit einen erschreckend aktuellen Bezug bekommen hat, konnte damals niemand ahnen. Wir stellen es im Eröffnungskonzert dem diesjährigen Festival quasi als ‚Motto‘ voran.“

Neben Werken von Dmitri Schostakowitsch stehen bei den Schostakowitsch-Tagen 2022 auch etliche Werke ukrainischer Komponisten auf dem Programm – allen voran von Valentin Silvestrov, der persönlich in Gohrisch erwartet wird und mit dem diesjährigen Schostakowitsch-Preis ausgezeichnet werden soll.


Schostakowitsch – Silvestrov – Gubaidulina

Das Programm der 13. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch

Die Internationalen Schostakowitsch Tage widmen sich in ihrem 13. Jahrgang neben Werken aus der Feder ihres Namensgebers auch der Musik ukrainischer Komponisten. Die Festivalmacher reagieren damit auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, vor dessen Hintergrund auch die Musik von Dmitri Schostakowitsch wieder eine erschreckende Aktualität erlangt hat. Auf dem Programm stehen zahlreiche Werke des wohl bedeutendsten lebenden Komponisten aus der Ukraine, Valentin Silvestrov, der auch persönlich in Gohrisch erwartet wird: Der inzwischen 84-Jährige, der vor einigen Wochen aus Kiew nach Berlin geflüchtet ist, soll am 2. Juli 2022 den diesjährigen Schostakowitsch-Preis in Empfang nehmen. Bei dieser Gelegenheit wird er auch eigene Werke auf dem Klavier interpretieren.

Ur- und Erstaufführungen
Darüber hinaus werden Silvestrovs 3. Streichquartett und seine 2 Elegien für Streichorchester bei den Schostakowitsch-Tagen zur Deutschen Erstaufführung gelangen. Auch der 2020 in der Ukraine entstandene Dokumentarfilm „V. Silvestrov“ wird bei dem Festival erstmals in Deutschland zu sehen sein. Zum Abschluss des Programms musizieren der Pianist Alexei Lubimov und die Sopranistin Viktoriia Vitrenko mit Werken von Silvestrov und Franz Schubert jenes Konzertprogramm, das vor wenigen Wochen von der Moskauer Polizei vorzeitig abgebrochen wurde. In Gohrisch soll das Programm nun vollständig erklingen.

Neben der Musik von Valentin Silvestrov stehen im Eröffnungskonzert am 30. Juni 2022 auch Werke des ukrainischen Komponisten Yuri Povolotsky (Jahrgang 1962) auf dem Programm, darunter zwei Uraufführungen.

Neues von Dmitri Schostakowitsch
Von Dmitri Schostakowitsch wird in Gohrisch ebenfalls „Neues“ zu hören sein: Dmitri Jurowski bringt in einem Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle Dresden seine eigene Bearbeitung des Liederzyklus auf Gedichte von Marina Zwetajewa op. 143a zur Uraufführung. Außerdem stellt er erstmals eine erweiterte Konzertsuite der Schauspielmusik zu „Die menschliche Komödie“ op. 37 der Öffentlichkeit vor, die sein Vater Michail Jurowski eingerichtet hat. Michail Jurowski, der die Schostakowitsch-Tage in ihren ersten Jahren maßgeblich geprägt hat, starb im März 2022 in Berlin. Er sollte diesen Aufführungsabend ursprünglich leiten, der nun seinem Andenken gewidmet ist.

Neben Werken von Schostakowitsch und Silvestrov umfasst das Programm auch einige Kompositionen von Sofia Gubaidulina. Die große russische Komponistin und Schostakowitsch-Preisträgerin 2017 feierte im vergangenen Herbst ihren 90. Geburtstag.

Wiederbegegnungen und zahlreiche Debüts
Gestaltet werden die Konzerte wieder von namhaften Künstler*innen: Die Pianistinnen Yulianna Avdeeva und Elisaveta Blumina sowie die Sopranistin Evelina Dobračeva kehren nach Gohrisch zurück. Zum ersten Mal sind der Geiger Vadim Gluzman, der Pianist Alexei Lubimov, die Sopranistin Viktoriia Vitrenko und der Dirigent Dmitri Jurowski in der Gohrischer Konzertscheune zu erleben. Außerdem sind mehrere Solisten aus den Reihen der Sächsischen Staatskapelle in die Kammerkonzerte eingebunden. Sämtliche Künstler*innen treten auch in diesem Jahr in Gohrisch ohne Honorar auf.

Besonders eng ist die Zusammenarbeit in diesem Jahr mit der Sächsischen Staatskapelle und der Semperoper Dresden. Neben dem Sonderkonzert am Vorabend des Festivals (Dirigent: Omer Meir Wellber) findet im Festivalzeitraum auch die Premiere einer Neuproduktion der Schostakowitsch-Oper „Die Nase“ an der Semperoper statt (Dirigent: Petr Popelka), begleitet durch ein wissenschaftliches Symposium an der Dresdner Musikhochschule. Das Programm ist damit so vielfältig wie selten zuvor und spannt einen Bogen von der Klavier- und Kammermusik Schostakowitschs bis hin zur großen Symphonik und Oper.

Fotoausstellung von Matthias Creutziger
Einen Rückblick auf die ersten 12 Jahrgänge der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch ermöglicht eine Fotoausstellung von Matthias Creutziger, der das Festival von Anfang an alljährlich begleitet hat.

„Nach zwei Jahren, in denen die Schostakowitsch-Tage pandemiebedingt virtuell bzw. mit einem Ausflug ins Festspielhaus Dresden-Hellerau stattgefunden haben, sind wir überaus glücklich, nun wieder nach Gohrisch zurückzukehren. Der Schwerpunkt mit Musik ukrainischer Komponisten, allen voran von Valentin Silvestrov, war uns angesichts des schrecklichen Krieges in der Ukraine ein großes Bedürfnis. Wir freuen uns sehr auf diesen großartigen Komponisten, der die gegenwärtige Musikkultur seines Landes repräsentiert wie kaum ein anderer.“ Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch

Hier geht es zum Programm.


Zum Tod von Michail Jurowski

Die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch trauern um den Dirigenten Michail Jurowski, der am 19. März 2022 im Alter von 76 Jahren in seiner Wahlheimat Berlin verstarb.

 

Michail Jurowski verband eine enge Zusammenarbeit mit den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch: 2010 eröffnete er das erste Festival mit einem Außerordentlichen Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle Dresden. In den Folgejahren kehrte er regelmäßig nach Gohrisch zurück und dirigierte dort Werke von Britten, Pärt, Weinberg und vor allem Dmitri Schostakowitsch, mit dem er als Kind in Russland noch vierhändig Klavier gespielt hatte. Die Schostakowitsch Tage waren für ihn eine Herzensangelegenheit. Nach dem ersten Konzert in Gohrisch, wo Schostakowitsch 1960 sein bewegendes Achtes Streichquartett komponiert hatte, äußerte Jurowski: „Ich habe das Gefühl, dass ich mich ein Leben lang auf dieses Konzert vorbereitet habe.“

Michail Jurowski und die Sächsische Staatskapelle Dresden – das wurde für viele Besucherinnen und Besucher der Schostakowitsch Tage über Jahre hinweg zu einem Markenzeichen. 2017 erschien bei Berlin Classics eine CD mit Live-Mitschnitten seiner Gohrischer Konzerte („Michail Jurowski in Gohrisch“), die diese außergewöhnliche Zusammenarbeit dokumentiert. Bereits 2012 war Jurowski mit dem 3. Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch ausgezeichnet worden, bis zuletzt gehörte er dem Kuratorium des Festivals an.

1945 in Moskau geboren, studierte Michail Jurowski am Konservatorium in seiner Heimatstadt Dirigieren und Musikwissenschaft. Bereits während seines Studiums assistierte er Gennady Rozhdestvensky. Er dirigierte an Häusern wie der Semperoper Dresden, an der er seit 1989 als Ständiger Gastdirigent engagiert war, der Bayerischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Komischen Oper Berlin, am Bolschoi-Theater, am Teatro alla Scala in Mailand, an der Opéra national de Paris sowie an der Oper Leipzig, der er von 1999 bis 2001 als Generalmusikdirektor vorstand. Zudem leitete er zahlreiche namhafte Orchester, u. a. das London Philharmonic Orchestra, die Sankt Petersburger Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, die Dresdner Philharmonie sowie das WDR Rundfunkorchester, dessen Chefdirigent er von 2006 bis 2008 war.

Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch: 

„Wir trauern um einen großen Künstler, der für unser Festival von Anfang an prägend war. Als Musiker, der Schostakowitsch von Kindesbeinen an persönlich kannte, brannte Michail Jurowski dafür, die Musik dieses Komponisten, dessen schwieriges Schicksal in der Sowjetunion er aus unmittelbarer Nähe miterlebt hatte, einem großen Publikum zu vermitteln. Nach einer mehrjährigen Pause hatten wir für dieses Jahr eine Rückkehr Michail Jurowskis nach Gohrisch geplant: Am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden wollte er eine erweiterte, selbst eingerichtete Konzertfassung von Schostakowitschs Bühnenmusik ‚Die menschliche Tragödie‘ in der Konzertscheune zur Uraufführung bringen. Wir verlieren mit ihm einen engen Freund, inspirierenden Partner und frühen Spiritus Rector unseres Festivals, an den wir uns immer in großer Dankbarkeit erinnern werden. Unser Mitgefühl gehört seiner Frau Eleonora, seiner Tochter Maria sowie den dirigierenden Söhnen Vladimir und Dmitri, die sein Erbe in die Zukunft tragen werden."


Statement zum Krieg in der Ukraine

Mit tiefer Erschütterung verfolgen wir die furchtbaren Ereignisse in der Ukraine. Hier wird der Bevölkerung eines souveränen Staates durch den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands unermessliches Leid zugefügt.

Das Team der Schostakowitsch Tage distanziert sich von all jenen, die diesen Krieg befürworten oder aktiv unterstützen. Gleichwohl wissen wir, dass – nicht erst seit Kriegsbeginn – die freie Meinungsäußerung in Russland mit persönlichen Risiken verbunden ist. Diese Situation erinnert fatal an das Schicksal von Dmitri Schostakowitsch, der selbst Opfer staatlicher Willkür war und jahrelang um sein eigenes Überleben fürchten musste. Seine Musik ist deshalb so aktuell wie nie zuvor.

Das Programm der diesjährigen Schostakowitsch Tage wird angesichts der aktuellen Situation neu konzipiert und Werke ukrainischer Komponisten berücksichtigen.
 

Für das Team der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch:
 

Tobias Niederschlag
Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch

Martin Steude
Geschäftsführer der FestivalKultur Sächsische Schweiz FEKUSS gGmbH