08.11.2019

Laudatio auf Andris Nelsons

Andris Nelsons, aktueller Gewandhauskapellmeister und zugleich Music Director des Boston Symphony Orchestra, wurde im Juni 2019 der 10. Internationale Schostakowitsch Preis Gohrisch verliehen. Die Laudatio auf den Preisträger hielt Jan Brachmann (FAZ), die wir hier mit freundlicher Genehmigung des Autors wiedergeben.


Ein angespanntes, sich fast heiser brüllendes Unisono des ganzen Orchesters, dann ein jähes Abreißen dieser Kraftbehauptung – das kann man, wenn man halbwegs empfindsam und nicht gänzlich phantasielos ist, hören am Anfang der sechsten Symphonie von Dmitri Schostakowitsch in der Neueinspielung mit dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Andris Nelsons.

Dieser Riss inmitten der Kraft hat etwas Unorganisches, etwas, das die Kraft falsch und unfroh erscheinen lässt. Dann folgt, leise, der Rückzug, ein Abfall von Energie. Wer sich dem hörend überlässt, versinkt in ein geradezu gnädiges Grau des Unbeobachtet-Seins. Eine Pikkoloflöte, benommen und verloren, streift das Ohr; in der Ferne verwehen Blechbläserklänge eines Trauermarsches. Musik des abnehmenden Lichts.

Die Dunkelheit wächst und scheint ausweglos, bis man ihr anhört, dass genau sie selbst der Ausweg sein könnte: ein Schutzraum, in dem der Einzelne – in Gestalt der Flöten etwa – hörbar wird; der Einzelne, der zuvor keine Stimme hatte, weil er im Unisono unterging. Zu bewundern ist die dirigentische Kunst eines langen, klug vordisponierten Decrescendo. Was hier durch die Interpretation gestaltet wurde, rührt an, noch bevor das Anrührende näher bestimmt werden muss. Der Gegensatz von Kraft und Fall, von Lärm und Schutz, von brüllendem Kollektiv und wimmerndem Einzelnen kann für Vieles stehen. Eine "Zeit, die siedet, schäumt und schreit", hat Rainer Maria Rilke in seiner Dichtung schon beschrieben, bevor Schostakowitsch geboren war. Wir finden die klagende Zeile "ich, der ich so im Lärme leben musste" schon in einem Gedicht von 1902. Es endet mit der Frage "Wem gehört dieser Lärm? Gott, wem gehört diese Zeit?" Es ist die Frage inmitten einer Zeit, die den neuen Menschen wollte und mit ihm den neuen Himmel und die neue Erde. Die Zeit der Moderne als säkularer Religion, eine Zeit, da neue Ideologien aus dem Humus alter Offenbarungen zu wachsen und nach dem Menschen zu greifen begannen.

Ich muss noch nicht an Stalin denken, um im Hören dieses Anfangs Beklemmung zu empfinden und den Wunsch, verschwinden zu dürfen. Aber ich kann mir auch denken, dass der Lärm des Anfangs eine Schutzbehauptung sein könnte, um im Terror der Sichtbarkeit bestehen zu können, dass man also mit der Meute heulen muss, um nicht von ihr gefressen zu werden.

Im September 2006, zum hundertsten Geburtstag von Dmitri Schostakowitsch, brachte der Deutschlandfunk unter dem Titel "Mein Leben in fünf Sätzen" ein Dossier, in dem der Autor Mario Bandi folgende Diskussion aus einem Internetforum zitierte: "Einerseits will man von dem Programm der Musik loskommen und sich der reinen Musik ergeben, ohne die Geschichte und die Zeit zu spüren. Andererseits fällt gerade das uns ehemaligen ‘Sowjets’ sehr schwer, wir haben doch so was wie eine historische Wirbelsäule im Gehirn ..." – "Was meinst du, wie wird die Siebente Sinfonie, besonders der erste Teil, von unseren Nachfahren gehört? In 100 Jahren? Sie werden nicht mehr so genau wissen, dass es den Krieg gab, den Faschismus. Und nicht nur diese Sinfonie meine ich, auch die Achte, die Elfte oder das 8. Quartett. Oder muss man doch immer an die Geschichte beim Hören denken?" – "Denken Sie ständig an Napoleon, wenn Sie die Dritte von Beethoven hören?"

Die fünfte bis zehnte Symphonie von Schostakowitsch könnte man unter die Überschrift "Im Schatten Stalins" stellen, hat Andris Nelsons einmal im Gespräch mit Patrick Bahners für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gesagt. Tatsächlich werden die CDs mit dem Boston Symphony Orchestra bei der Deutschen Grammophon auch unter diesem Titel veröffentlicht. Gelingt es Schostakowitsch also nie mehr, aus dem Schatten Stalins herauszutreten? Bleibt das Licht seiner Kunst auf ewig verdeckt durch das Massiv eines Massenmörders?

Dass man ergriffen, berührt und beklommen sein kann von der sechsten Symphonie in Nelsons’ Interpretation, ohne an Stalin denken zu müssen, spricht gegen diese Verzwergung von Kunst zur Fußnote der Politik. Nelsons beweist, dass der Sprachzusammenhang, in dem diese Musik steht und aus dem heraus sie selbst etwas zu sagen hat, weiter ist, als ihr enger politischer Kontext. Doch ist es überhaupt legitim, von "Verzwergung" in diesem Zusammenhang zu reden? Macht nicht gerade die geschichtliche und soziale Welthaltigkeit von Kunst auch ihre Bedeutsamkeit aus?

Schaut man sich genauer um in unserer Zeit, so ist die Erinnerung an "Stalins Schatten", wie Nelsons sie programmatisch durch seine Arbeit an Schostakowitsch beschwört, nötiger denn je. Nelsons selbst kommt aus Riga. Bis in seine eigene Familie, zum Vater seines Stiefvaters, der deportiert wurde, weil er Radio Free Europe, hörte reichte der stalinistische Terror. Das ganze Baltikum war davon betroffen, nachdem Hitler und Stalin am 23. August 1939 gemeinsame Sache gemacht und Osteuropa in Einflusssphären aufgeteilt hatten. Das Baltikum fiel Stalin zu.

Ich habe zum Jahreswechsel in Estlands Hauptstadt Tallinn gemeinsam mit der Unabhängigkeitsaktivistin Lagle Parek die "Batterie" besucht, das alte Gefängnis aus der Zeit von Zar Nikolaus I., in dem sie zur Zeit von Juri Andropow und noch zur Zeit von Michail Gorbatschow inhaftiert gewesen war und von wo aus sie ins Straflager nach Mordwinien deportiert wurde. Ein Gefängnis, in dem schon ihr Vater Karl Parek von Stalins Schergen kurz nach der ersten Annektion des Baltikums ermordet wurde. Wir standen, als der Winterwind durch den verlassenen, menschenleeren Festungsbau heulte, in der fensterlosen Erschießungszelle im Erdgeschoss. Auf dem Boden lag noch der Schlauch, mit dem man früher das Blut der Ermordeten in den Abfluss gespült hatte. Und ich besuchte mit dem Komponisten Jüri Reinvere die Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus in Estland, eine ansteigende Gasse, in deren schwarze Mauereinfassungen die Namen zigtausender Esten eingraviert sind, die vom Sowjetregime umgebracht worden waren.

Ich habe diesen Besuch vorgenommen in einer Zeit, da man nicht nur in russischen Lebensmittelläden Berlins georgischen Wein mit einem Stalin-Porträt auf dem Etikett kaufen kann, sondern da selbst in deutschen Lebensmitteldiscountern Wodka der Marke "Stalinskaya" verkauft werden darf. Doch damit nicht genug. Weil es als links, chic und antikapitalistisch gilt, konnte ein Regisseur wie Barrie Kosky in Zürich zum Premierenapplaus nach Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten" im Stalin-T-Shirt auf die Bühne kommen, sich lachend verbeugen, während der Intendant Andreas Homoki das als Privatangelegenheit, als reine Modefrage abtat. So lange sogar unter Intellektuellen und Künstlern diese Sorglosigkeit, gar Frivolität und dieser Mangel an Empathie mit den Opfern des kommunistischen Terrors um sich greift, bleibt es nötig, auch in Schostakowitschs Musik an den Schatten Stalins zu erinnern.

Andris Nelsons hat sich sehr reflektiert über Schostakowitsch geäußert. Er glättet den Zwiespalt in dieser Figur nicht. Denn natürlich war Schostakowitsch, wie Nelsons sagt, "ein vorbildlicher Staatsbürger" mit einem "naiven Glauben an den Sozialismus". Er hat, wenn man den sogenannten Memoiren von Solomon Wolkow glauben darf, den Zarismus gehasst. Um so auffälliger ist es dann, dass ein Zarismushasser in seiner "Festlichen Ouvertüre" op. 96 zur Feier des Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1954 auf das musikalische Vokabular zaristischer Huldigungsmusikern im Stil des überzeugten und aufrichtigen Zaristen Peter Tschaikowsky zurückgriff. Das ist ein Aufrichtigkeitskonflikt höchsten Grades. Und Nelsons, der mit dem Vokabular Tschaikowskys innigst vertraut ist, lässt uns auch das beim Hören spüren.

Über russische Musik kursiert das Bonmot, sie sei das Paradies für einen Semiotiker und die Hölle für einen Kritiker. Tatsächlich ist fast alles in ihr zeichenhaft aufgeladen; es wimmelt von Codes. Lieder werden zitiert, deren Texte man mitdenken muss. Es gibt Anspielungen auf eigene und fremde Werke, Verwendungen von Formen und Satztechniken, mit denen immer gleich eine kulturideologische Parteinahme verbunden ist. Und trotzdem muss diese Musik sprechen zu dem, der all diese Codes nicht kennt.

Andris Nelsons sucht nach dieser Sprachfähigkeit hinter den Codes. Aber wischt das Wissen um sie nicht als unwichtig weg. Je mehr man wisse, sagt er, desto klarer werde einem, wie wenig man eigentlich wisse. Und er selbst, Andris Nelsons, würde nie unterstellen, dass der Komponist nicht gewusst habe, was er tat. Eher würde er sich selbst sagen: "Ich habe es noch nicht verstanden. Und ich sollte versuchen, es zu verstehen." Was für ein Unterschied zu der Selbstsicherheit eines Kollegen, der kürzlich zu Protokoll gab: "Ich dirigiere Tschaikowsky nicht anders, ich dirigiere ihn richtig"!

Hört man Andris Nelsons zu, wie er Schostakowitsch dirigiert, bemerkt man seinen Sinn für Logik und thematische Arbeit, die aus der Tradition Beethovens kommt. Man bemerkt aber auch, besonders im langsamen Satz der siebten Symphonie, die Fähigkeit, in großen Dimensionen zu disponieren, wie man sie als Dirigent für die Musik von Anton Bruckner braucht. Dass Nelsons sich mit Bruckner und Schostakowitsch gleichzeitig beschäftigt, kommt den Interpretationen beider Komponisten zugute. Und als Kenner der Musik von Tschaikowsky weiß Nelsons um Apotheosen im Stechschritt wie am Ende von dessen fünfter Symphonie, um einen Jubel, der taub, und einen Glanz, der blind macht wie im dritten Satz der Symphonie pathétique. Dass Schostakowitsch seine eigene Sechste wie die Tschaikowskys in h-Moll setzte, gehört in jenes große russische Reich der Codes und Anspielungen.

In einem Gespräch mit meinem Kollegen Arnt Cobbers sagte Andris Nelsons einmal: "Ich muss das Leben von Zarathustra führen, um Zarathustra zu dirigieren. Ich muss mich in die Alpen versetzen, um die Alpensinfonie zu dirigieren. Das geht nicht nur mit Technik und Erfahrung. Ich muss mich immer wieder aufs Neue in diese Stimmung hineinarbeiten. Und dann kommen automatisch immer wieder neue Ideen dazu." Seit Carl Philipp Emanuel Bach gilt diese Fähigkeit, sich in Musik hineinzuleben als Grundvoraussetzung für deren Interpretation. Auch Johannes Brahms spricht einmal in einem Brief an Clara Schumann davon, dass man Lieder und Lyrik "durchleben" können muss.

Die Musik von Schostakowitsch scheint dieser Empathie lange widerstreben zu wollen. Schostakowitsch sah eher in ironischer Distanz eine richtige Strategie, was einem wichtig sei, zu bewahren. "Das beste Mittel, etwas zu behalten, an dem man hängt, ist, es nicht zu beachten", sagte er einmal. "Alles, was man zu sehr liebt, geht einem verloren. Man muss zu allem eine ironische Einstellung gewinnen, besonders zu dem, was einem ans Herz gewachsen ist, das ist die beste Chance, es zu behalten. Vielleicht ist dies eines der großen Geheimnisse des Lebens. Die Alten haben dieses Geheimnis nicht gekannt. Darum haben sie alles verloren."

Und so darf man sicher auch das Leiden in Schostakowitschs Musik nicht ausstellen. Es gerät dann in Gefahr, zur ästhetisierten Pornographie politischer Angst zu werden. Doch hat beispielsweise die Fuge aus dem Klavierquintett g-Moll op. 57 die Menschen bei der Uraufführung zu Tränen erschüttert. Alle Masken der musikalischen Selbstkundgabe sind hier einmal fallen gelassen worden. Es scheint, als habe Schostakowitsch mit dem Rückgriff auf Bach einen Ausweg aus der Ironie gefunden, in die er sich selbst und alles, was er liebte, eingepanzert hielt. Bach eröffnete ihm, mit den Modellen von Passacaglia und Fuge, die Möglichkeit zum Pathos. Pathos aber ist das Gegenteil von Ironie. Pathos sucht nicht die Distanz, sondern nimmt teil, fühlt mit. Und für diese Momente bei Schostakowitsch, wenn hinter allen Fratzen plötzlich ein Gesicht sichtbar wird, muss man wachsam sein.

"Andris Nelsons ist ein Künstler, der die menschlichen Aspekte der Musik Schostakowitschs in die heutige Zeit überträgt", hat der Künstlerische Leiter der Schostakowitsch Tage, Tobias Niederschlag, zur Begründung der Entscheidung gesagt, dem vielfach preisgekrönten Dirigenten einen weiteren Preis zu verleihen: den Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch. Und Tobias Niederschlag setzt fort: "Die schonungslose Intensität seines Musizierens ist ansteckend und berührend zugleich. Andris Nelsons lässt uns immer wieder miterleben, wie aktuell die Musik Schostakowitschs heute noch ist."

Es ist genau das: jenes Zusammenspiel von Kenntnis und Empathie, jenes Wissen um Codes und jenes Streben nach Unmittelbarkeit, der Respekt vor der Eigengesetzlichkeit von Kunst und das Durchklingen der eigenen Lebensgeschichte, was Andris Nelsons mitbringt. Er kann nicht nur etwas, er versucht es auch zu verkörpern und dadurch zu beglaubigen. Das zeichnet ihn aus – und dafür wird er heute ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

1960 Schostakowitsch Dresden
Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1960 während seines Aufenthalts in Dresden