Scheune, Charme und Schostakowitsch

Vor zehn Jahren starteten die ersten Schostakowitsch Tage in Gohrisch als Experiment. Heute sind sie ein Mekka für Verehrer des Komponisten aus der ganzen Welt.

Am Anfang war alles nur eine verrückte Idee: Wie wäre es, das weltweit einzige, jährlich stattfindende Festival für den Komponisten Dmitri Schostakowitsch zu gründen? Und zwar dort, wo der Komponist 50 Jahre zuvor, 1960, eine Auszeit vom Weltgeschehen nahm und eines seiner bewegendsten Kammermusikwerke schrieb, das melancholische, in sich gekehrte achte Streichquartett: im sächsischen Gohrisch.

So verwegen die Idee, so groß der Enthusiasmus bei den Musikern der Sächsischen Staatskapelle Dresden, bei Schostakowitsch-Fans und vor allen beim Künstlerischen Leiter der Schostakowitsch Tage, Tobias Niederschlag. Wer hätte gedacht, dass eine umgebaute Scheune, in der die Konzerte stattfinden, eine derart gute Akustik liefert? Wer hätte gedacht, dass das Publikum aus ganz Deutschland, ja aus der ganzen Welt kommen wird und dass die Einwohner von Gohrisch so begeistert mitziehen würden? Wer hätte gedacht, dass die intime Atmosphäre Zuhörer und Musiker vereint? Der Pianist Igor Levit, der erst viel später Weltkarriere machen sollte, der Cellist Isang Enders, Dirigenten-Legende Michail Jurowski, das Dresdner Streichquartett und andere Kammermusik-Ensembles der Staatskapelle waren die Künstler der ersten Stunde – und sind Gohrisch bis heute treu. 

"Nach dem ersten Jahr 2010 war uns allen klar, dass es weitergehen musste", sagt Tobias Niederschlag, "auch wenn damals viele Fragen offen waren." Noch immer ist es die Leidenschaft, die das Festival so erfolgreich macht. Die Leidenschaft der Gohrischer, der Musiker, aber auch der lokalen Unternehmer wie der Elbresidenz in Bad Schandau oder der Unterstützung durch die Kulturstiftung des Freistaates. "Gohrisch strahlt seit zehn Jahren diese Begeisterung aus", sagt Niederschlag, "ohne die ein solches Festival undenkbar wäre."

Eine Begeisterung, die seither zahlreiche Weltklasse-Künstler angelockt hat: Das Borodin Quartet, die Cellistin Natalia Gutman oder der Geiger Gidon Kremer wurden zu wichtigen und regelmäßigen Säulen in Gohrisch.

"Das Großartige ist, dass die Musik von Schostakowitsch für uns ein Kompass geworden ist, um auch andere Werke und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts zu ordnen und zu hören", sagt Niederschlag. "Wo gibt es das schon, dass ein Publikum bereit ist, sich dem Neuen zu öffnen, konzentriert zu lauschen, zu debattieren und Musik als Abenteuer zu verstehen?" Niederschlag hat Komponistinnen wie Sofia Gubaidulina gleich zwei Mal nach Gohrisch locken können, und ihm ist es in den letzten beiden Jahren sogar gelungen, Welturaufführungen von Schostakowitsch auf das Programm zu stellen: neue Fragmente aus der Oper "Die Nase" und ein Impromptu für Bratsche, das von Nils Mönkemeyer interpretiert wurde.

Gohrisch ist zum Schostakowitsch-Mekka geworden und wird vom Centre Chostakovitch in Paris und dessen Leiter Emmanuel Utwiller ebenso unterstützt wie von Schostakowitschs Witwe Irina – auch sie war bereits mehrfach in Gohrisch zu Gast, 1972 noch mit ihrem Mann Dmitri Schostakowitsch.

Auch für das Jubiläumsjahr 2019 haben sich Niederschlag und sein Team einige Überraschungen einfallen lassen. "Wir kombinieren zum ersten Mal Schostakowitsch mit den anderen beiden großen russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts: Prokofjew und Strawinsky", sagt der Künstlerische Leiter. Neben "Peter und der Wolf" steht der bekannte Schostakowitsch-Walzer Nr. 2 aus der "Suite für Varieté-Orchester" auf dem Programm, und es wird sogar ein Jazz-Konzert geben. Viele der Gäste aus den letzten zehn Jahren kehren zurück, so Isabel von Karajan, das Quatour Danel, Isang Enders und natürlich die Ensembles der Staatskapelle. Aber es werden auch wieder zahlreiche Gohrisch-Debütanten kommen. Zum Jubiläum wird das Festival vier statt nur drei Tage dauern, und der Vorverkauf bei den Festival-Pässen läuft bereits auf Hochtouren. Der Andrang ist groß auf den einzigen deutschen Ort, der einen Schostakowitsch-Platz hat, auf den Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz.  (Axel Brüggemann, Autor)

Das detaillierte Festivalprogramm wird Ende Februar 2019 veröffentlicht.