Auch wenn die Sächsische Staatskapelle Dresden international in erster Linie als ein ideales Orchester für die Werke der deutschen und österreichischen Spätromantiker angesehen wird, so hat sie doch auch im Hinblick auf die Aufführung von Werken Dmitri Schostakowitschs eine lange und bemerkenswerte Tradition.
Im Februar 1963 etwa spielte das Orchester die gesamtdeutsche Erstaufführung der erst ein gutes Jahr zuvor uraufgeführten vierten Symphonie Schostakowitschs, einem der symphonischen Hauptwerke des Komponisten. Der Dirigent war Kyrill Kondraschin, Dirigent der Moskauer Uraufführung, der auch die zwölfte und dreizehnte Symphonie Schostakowitschs aus der Taufe hob und seit 1953 regelmäßig am Pult der Dresdner Staatskapelle stand. Der DDR-Rundfunkmitschnitt des denkwürdigen Konzertes ist 2006 erstmals auf CD erschienen (Edition Staatskapelle Dresden, PH06023).
Schon vorher hatte die Staatskapelle zahlreiche Werke Schostakowitschs musiziert. Unter ihren Chefdirigenten Joseph Keilberth und Rudolf Kempe stellte sie die Symphonien Nr. 5 (1947) und Nr. 8 (1950) erstmals in Dresden vor. 1954 leitete Franz Konwitschny die Erstaufführung der „Leningrader Symphonie", 1959 spielte er die elfte Symphonie mit der Staatskapelle für die Schallplatte ein – vermutlich die erste Aufnahme des Werkes, die außerhalb der Sowjetunion entstand. Lovro von Matačić leitete 1956 die erste und 1958 die neunte Symphonie, und der im Januar 2010 verstorbene Otmar Suitner dirigierte 1960 die Dresdner Erstaufführung der zehnten Symphonie.
Auch Kurt Sanderling, der der Staatskapelle von 1963 bis 1967 als Chef vorstand, setzte regelmäßig Werke seines Freundes Schostakowitsch aufs Programm – neben den Symphonien Nr. 5, 8 und 15 leitete er auch die Erstaufführung des Liederzyklus „Aus jüdischer Volkspoesie“ – und informierte die Musiker des Orchesters lange vor Veröffentlichung der Schostakowitsch-Memoiren durch Solomon Wolkow über die Hintergründe ihrer Entstehung.
Neben Kondraschin, der in Dresden auch Aufführungen der neunten und der fünfzehnten Symphonie dirigierte, gastierten im Laufe der Jahre auch viele andere bedeutende Schostakowitsch-Interpreten am Pult der Staatskapelle, darunter Kurt Masur, Václav Neumann, Yuri Temirkanov, Neeme Järvi, Arvid Jansons, Mariss Jansons, der Komponist und Dirigent Krzysztof Penderecki sowie Gennadi Roschdestwenski. Im April 1960 – wenige Monate vor Schostakowitschs Besuch in Dresden und Gohrisch – spielte die Staatskapelle unter Vilmos Komor die Deutsche Erstaufführung des ersten Cellokonzertes. Solist war Mstislaw Rostropowitsch, enger Freund des Komponisten und Widmungsträger des Werkes.
Auch auf Gastspielreisen präsentierte die Staatskapelle neben ihrem deutsch-romantischen Kernrepertoire Werke des sowjetischen Symphonikers, so etwa bei ihren regelmäßigen Residenzen im Rahmen der Salzburger Festspiele. Dort dirigierte Kurt Sanderling 1965 die achte und 1972 die fünfte Symphonie. 1976 leitete Herbert von Karajan im Großen Festspielhaus eine denkwürdige Aufführung der zehnten Symphonie – es war sein letztes Auftreten am Pult des von ihm hoch geschätzten Orchesters.
Haftete diesen Auftritten während des „Kalten Krieges“ noch eine besondere, symbolträchtige Bedeutung an, so brach die Auseinandersetzung mit den Werken Schostakowitschs auch nach der politischen Wende in den Kapellprogrammen nicht ab. Hierfür stehen Dirigenten wie Mikhail Jurowski (er war u.a. einer der Dirigenten der Ersten Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch) und Semyon Bychkov (der 1999 eine viel beachtete Neuproduktion der „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Semperoper leitete, nachdem die Oper „Die Nase“ bereits seit 1986 im Opernrepertoire war) sowie in jüngerer Zeit Yakov Kreizberg, Andrey Boreyko und Vladimir Jurowski. Mit Bernard Haitink gewann die Staatskapelle 2002 erneut einen der großen Schostakowitsch-Interpreten zum Chefdirigenten (bis 2004), dessen – leider nur seltene – Schostakowitsch-Dirigate unvergessen sind.
Auch im Bereich der „Kammermusik der Sächsischen Staatskapelle Dresden“ nehmen die Werke Schostakowitschs seit jeher einen wichtigen Platz ein. So erklangen seit 1963 – teilweise in Erstaufführungen – viele bedeutende Kammermusik- und Vokalwerke in den Kammerabenden des Orchesters. 1992 dirigierte Mikhail Jurowski in einem Aufführungsabend die Kammersymphonie op. 110a.
Zweimal stand auch Schostakowitschs Sohn Maxim am Pult der Staatskapelle: 1969 und 1975 dirigierte er die fünfte und die zehnte Symphonie seines Vaters im Dresdner Kulturpalast. Schostakowitsch selber hörte die Staatskapelle übrigens auch mehrfach persönlich, in Dresden und auf Gastspielen. Ingeburg Kretzschmar, langjährige Musikkritikerin und Moskau-Korrespondentin der Berliner Zeitung, erinnert sich, dass Schostakowitsch nach einer Aufführung ganz fasziniert war vom „seidenen“ Klang der Staatskapelle. „Ja, spielen die denn alle auf Stradivaris?“, soll er verblüfft geäußert haben …