20.09.2013

„Wir waren damals junge Musiker, und Schostakowitsch war unser Gott“

Ein Gespräch mit der Cellistin und diesjährigen Schostakowitsch-Preisträgerin Natalia Gutman. Von Tobias Niederschlag.


Frau Gutman, Sie werden in Gohrisch mit dem 4. Internationalen Schostakowitsch Preis ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie?


Für mich ist Schostakowitsch eine der zentralen Figuren des 20. Jahrhunderts – er war ein absolutes Genie! Deshalb habe ich mich über die Einladung zu den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch, die ich vorher noch nicht kannte, sehr gefreut. Natürlich ist es eine große Ehre für mich, einen Preis mit seinem Namen zu bekommen.

Kannten Sie ihn persönlich, sind Sie ihm begegnet?

Ja, einige Male, sogar bei ihm zu Hause. Ich erinnere mich an eine Geschichte mit dem 15. Streichquartett: Schostakowitsch hatte dieses Werk gerade beendet und wollte es unbedingt hören – aber der Cellist des Beethoven-Quartetts, für das er die meisten seiner Quartette geschrieben hat, war erkrankt. So rief Irina Antonowna bei uns an und fragte, ob ich das Werk mit meinem Mann Oleg Kagan und Freunden innerhalb der nächsten zwei Tage einstudieren und es Schostakowitsch vorspielen könne. Dies haben wir gemacht, und es war ein großes Ereignis. Aber Schostakowitsch bat uns, die Sache geheim zu halten: Er wollte nicht, dass der Cellist des Beethoven-Quartetts beleidigt sein könnte. Dieses Verhalten war typisch für ihn.

Würden Sie Ihr Verhältnis zu Schostakowitsch als freundschaftlich bezeichnen?

Nein, Freundschaft wäre zu viel gesagt. Wir waren damals junge Musiker, und Schostakowitsch war unser Gott. Wir haben übrigens noch einige weitere Male für ihn privat gespielt, die Blok-Lieder, auch das zweite Klaviertrio. Das war immer eine große Ehre, und Schostakowitsch war sehr herzlich zu uns.

Sie waren Schülerin von Mstislaw Rostropowitsch, der sehr eng mit Schostakowitsch gearbeitet hat. Hat Rostropowitsch Sie in diesem Repertoire besonders geprägt?

Es ist erstaunlich, aber in den vier Jahren, in denen ich Rostropowitschs Meisterschülerin war, haben wir nur an wenigen Werken von Schostakowitsch gearbeitet. So habe ich ihm zum Beispiel nur das erste Cellokonzert vorgespielt, nie das zweite. Aber ich habe Rostropowitsch natürlich häufig als Interpret der Werke Schostakowitschs erlebt und war auch dabei, wenn er mit anderen Studenten Werke Schostakowitschs erarbeitet hat. Das war sehr prägend, es hatte immer etwas ungeheuer Verbindliches: so und nicht anders musste es sein. Es kam quasi direkt von Schostakowitsch. Das waren wunderbare Zeiten.

Kann man sagen, dass Rostropowitsch Ihr wichtigster Lehrer gewesen ist?

Wissen Sie, in allen Perioden meiner Ausbildung waren meine jeweiligen Lehrer die wichtigsten Lehrer. Ich habe zum Beispiel auch von meinem Großvater Anisim Berlin, einem Schüler des grandiosen Geigers Leopold Auer, sehr viel gelernt. Es war mein Glück, dass ich mit vielen großartigen Lehrern arbeiten durfte, und neben Rostropowitsch gehört dazu auf jeden Fall auch der Pianist Swjatoslaw Richter, dem ich als Musikerin viel verdanke.

Von Rostropowitsch haben Sie aber sicher Ihre Offenheit für die zeitgenössische Musik …

Ja, das mag stimmen. Allerdings kann man es nicht wirklich vergleichen, denn fast das gesamte Cellorepertoire des 20. Jahrhunderts wurde für ihn geschrieben. Das ist unglaublich! Im Vergleich dazu haben nur wenige Komponisten für mich geschrieben, darunter sind allerdings phantastische Werke von Schnittke, Denissow und Gubaidulina. Ich muss sagen, dass ich diese Werke sehr liebe.

Welchen Stellenwert nimmt die Musik Schostakowitschs heute noch immer in Ihrem Repertoire ein?

Einen ganz zentralen. Ich spiele Schostakowitsch häufiger als jeden anderen Komponisten. Etwas bedaure ich es allerdings, dass ich das zweite Cellokonzert nicht so häufig spiele wie das erste. Natürlich ist das erste Konzert ein geniales Werk, aber das zweite liebe ich vielleicht noch mehr. Bei diesem Werk habe ich immer das Gefühl, dass jeder, der es spielt, damit eine ganz eigene Geschichte erzählt. Es ist für mich also noch um einiges persönlicher als das erste Konzert.

Haben Sie auch eine besondere Beziehung zum achten Streichquartett von Schostakowitsch, das in Gohrisch entstanden ist?

Mit diesem Werk verbindet mich nur die Liebe es zu hören. Ich habe es selber nie gespielt.

Sie musizieren in Gohrisch die beiden Cellosonaten von Schostakowitsch und Benjamin Britten. Was verbindet diese Komponisten?

Über die wunderbare Musik möchte ich mich nicht im Detail äußern. Interessant ist aber, in welchen Punkten sich Schostakowitsch und Britten meiner Meinung nach ähneln: Sie waren beide äußerst empfindsame Menschen, ihre Musik ist quasi „ohne Haut“, sehr verletzlich. Man kann die beiden vielleicht sogar mit Engeln vergleichen, ihre Seelen waren ungeschützt, unschuldig. Als Freunde waren sie sehr treu: Schostakowitsch komponierte für Britten und Britten für Schostakowitsch. Das alles hat mich immer sehr berührt.

In Gohrisch wird Ihre Cellofreundin Elizabeth Wilson auch eine der Cellosuiten von Benjamin Britten musizieren …


Ja, das war ein Wunsch von mir. Ich kenne Elizabeth seit ihrer Studienzeit in Moskau, wo sie ebenfalls bei Rostropowitsch studierte. Damals machte sie auch die Bekanntschaft mit Dmitri Schostakowitsch, und über ihren Vater, der britischer Botschafter in Moskau war, war sie zuvor schon gut mit Benjamin Britten bekannt. Sie hat ihre Erinnerungen an beide Komponisten in einem äußerst lesenswerten Buch festgehalten, aber darüber hinaus ist sie auch eine großartige Cellistin.

Haben Sie Benjamin Britten auch persönlich kennengelernt?

Ich habe ihn ein einziges Mal getroffen, als er in Moskau im Komponistenhaus war. Dort gab es ein Treffen und ein Konzert, bei dem ich seine Sonate gespielt habe. Anschließend hat er sich bei mir bedankt. Engeren Kontakt hatte ich zu ihm leider nicht.

Sie haben mit Ihrem Mann Oleg Kagan 1990 in Wildbad Kreuth am Tegernsee ein internationales Kammermusikfestival gegründet. Hat es für Sie einen besonderen Reiz, Kammermusik – wie jetzt auch in Gohrisch – in idyllischer Landschaft zu musizieren?

Ja, natürlich. Ich liebe es einfach, Kammermusik zu spielen, vor allem mit jungen, begabten Leuten. Das ist so etwas wie eine Spezialität von mir. In Gohrisch werde ich zum Beispiel mit dem Pianisten Viacheslav Poprugin musizieren, er ist ein phantastischer Musiker. Ich bin froh, dass Sie ihn in Gohrisch erleben werden!

Was erwarten Sie persönlich von Gohrisch und der Sächsischen Schweiz?

Das ist schwer zu sagen. Aber Sie müssen wissen, dass ich schon immer eine besondere Affinität zu diesem Teil von Deutschland hatte. In der Sowjetunion durfte ich fast neun Jahre lang keine Auslandsreisen unternehmen, das war eine schwierige Zeit für mich. Die DDR war für uns damals so etwas wie der „Wilde Westen“, denn im Vergleich mit dem, wie es in der Sowjetunion war, erschien hier vieles leichter. Wir hatten Sehnsucht nach Kulturstädten wie Dresden, Leipzig, Weimar – und Oleg, ich und unsere Freunde haben es geliebt, hierher zu kommen. Insofern freue ich mich sehr auf Gohrisch und diesen Teil von Deutschland, auch wenn ein bisschen Nostalgie mitschwingt.





1960 Schostakowitsch Dresden
Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1960 während seines Aufenthalts in Dresden